Ein Riss geht durch die Brettspielszene wegen Harry Potter - ein Appell

Update: Ein Riss geht durch die Brettspielszene wegen Harry Potter - ein Appell

Eigentlich ist es eine schöne Sache, wenn Verlage ein neues Spiel ankündigen – vor allem, wenn es eine so erfolgreiche Serie wie Codenames ist, die einen neuen Teil bekommen soll. Doch bei „Codenames: Back to Hogwarts“ ist diese Idylle vorbei. Was ist passiert?

Dieser Beitrag wurde zweimal überarbeitet, was ihr weiter unten lesen könnt und hoffentlich dazu beiträgt, meine Aussagen zu präzisieren. Mein Anliegen ist nicht, zu sagen: „Seid nett zueinander“ – zumindest nicht ausschließlich. Dank einiger Rückmeldungen auf Instagram und Facebook ist mir klar geworden, dass ich viele Dinge nicht präzise genug auf den Punkt gebracht habe. Also danke für jedes konstruktive Feedback!


Czech
Games Edition (CGE) ist ein Verlag, der bei den Brettspielfans regelmäßig für Herzklopfen sorgt. Seit Jahren bringen sie mit hoher Treffsicherheit sehr gute Spiele raus und konnten auch nach „Codenames“ mit „Die Ruinen von Arnak“ oder zuletzt „Seti“ Volltreffer landen.

Von jetzt auf gleich wird jedoch die neueste Ankündigung des Verlags, obwohl sie nicht erschienen ist, mit negativen Bewertungen überhäuft auf Boardgamegeek.com. Das führte zu einer reflexartigen Gegenbewegung, sodass ein unveröffentlichtes Spiel derzeit bei 5,3 Punkten und 282 Bewertungen steht. Wer auf die Verteilung der Bewertungen schaut, wird sehen, dass hier (Stand 2.8.2025) 138 Stimmen 10 oder 9 Punkte geben und 146 Stimmen 1 oder 2 Punkte für angemessen halten.

Wer in die Kommentare schaut, sieht recht schnell, dass nicht der Brettspielverlag CGE, nicht Harry Potter, sondern die Autorin J.K. Rowling das Problem ist. Viele sind sich einig, dass sie gegen die Transgenderbewegung arbeitet, und deswegen seien Produkte von ihr nicht mehr unterstützbar.

Auch wir wurden auf Social-Media-Kanälen von verschiedenen Personen angeschrieben, als wir die Ankündigung zu dem Spiel veröffentlichten. Grundlegend haben wir die Haltung, zwischen Werk und Künstler zu unterscheiden, zumal es in diesem Fall ja eigentlich vor allem die Arbeit von Vlaada Chvátil, dem Spieleautor, ist, der das Spiel erdacht hat und lediglich die weltbekannte Marke übergestülpt bekommt.

Dies stellte auch der Brettspielverlag fest, der sich unverhofft im Auge eines Wirbelsturms befand. Im Forum auf BGG zum Spiel wurden hitzig die Meinungen ausgetauscht. Hier sagten viele Menschen, dass sie keine Spiele mehr kaufen würden, die von CGE kommen, weil sie transfeindlichen Personen Geld geben würden. Hinweise darauf, wie gering die Lizenzgebühren für Brettspiele überhaupt sind und dass zuvor auch noch die Warner Brothers partizipieren, bleiben ungehört. CGE wird von Personen im Forum nun selbst als transfeindlich dargestellt, denen es nur um Geld gehe.

Die Diskussion wird dann immer hitziger, und es folgten zahlreiche gelöschte Posts von Admins mit dem Hinweis „entgleisend“ oder „störend“. Ein User stellte fest, dass CGE wohl massig User geblockt hätten, die sich negativ zum Spiel geäußert hätten. Tatsächlich gibt es eine Blockingliste von Clearsky.app, die das zu belegen scheint (hier einzusehen). Was jeweils konkret geäußert wurde, lässt sich nicht nachvollziehen, könnte aber auf ein Indiz für einen schlechten Umgang mit der kritischen Community sein.

CGE habe wohl auch nicht auf Hinweise eines ehemaligen CGE-Community-Managers gehört. Sein Post ist leider gelöscht und lässt sich von uns nicht mehr belegen.

Vor acht Tagen erschien dann ein Statement des Verlags, warum sie eine neue Lizenz-Version von Codenames machen wollen

 

Statement übersetzt ins Deutsche

Als wir vor vielen Jahren mit der Entwicklung der neu angekündigten Version von Codenames begannen, wurde für viele von uns bei CGE ein Traum wahr. Die riesige Welt der Magie im kommenden Codenames war eine Quelle der Inspiration. Sie weckte unsere Leidenschaft, Englisch zu lernen und durch Lesen neue Welten zu entdecken. Sie prägte unsere Kindheit, beflügelte unsere Fantasie und spendete Trost in schwierigen Zeiten. Wir wissen, dass viele Menschen auf der ganzen Welt die gleichen Gefühle für dieses Universum teilen – selbst diejenigen, die durch die öffentlichen Ansichten und Handlungen seines Schöpfers verletzt wurden. Die Entscheidung, ob diese Gefühle auch auf die einst geliebte Welt übertragen werden sollen, bleibt jedem selbst überlassen, und wir respektieren und verstehen diejenigen voll und ganz, die sich nicht auf dieses Spiel einlassen möchten. Wir glauben nach wie vor an die Magie von Geschichten und die Verbindung, die sie zwischen Menschen schaffen.

Da es sich um ein fortlaufendes Gespräch handelt, ermutigen wir alle, die Diskussion mit Sorgfalt, Einfühlungsvermögen und Respekt anzugehen – sowohl online als auch persönlich.

Am 31.7. folgte dann ein weiteres Statement:

Wir sind allen dankbar, die sich in den letzten Tagen mit uns ausgetauscht und ihre Perspektiven geteilt haben.

Bei CGE war es niemals unsere Absicht, Schaden zu verursachen – und wir erkennen an, dass uns dies mit unserer jüngsten Codenames-Ankündigung dennoch passiert ist. Wir arbeiten intensiv innerhalb unserer Möglichkeiten daran, den besten Weg nach vorn zu finden, und werden euch so bald wie möglich über unsere nächsten Schritte informieren.

Wir verstehen, dass unser Handeln für Unmut gesorgt hat und arbeiten derzeit gemeinsam mit mehreren Mitgliedern der betroffenen Communities an einer konkreten Lösung.

Bitte habt Geduld mit uns, während wir daran arbeiten, das richtigzustellen.

 

sorry text cge

 

Die Sache mit J.K. Rowling

Seit 2018 hat sich Joanne K. Rowling zunehmend öffentlich mit genderkritischen Standpunkten positioniert: Sie äußerte sich gegen Begriffe wie „people who menstruate“, unterstützte juristische Verfahren, gründete Organisationen mit Fokus auf biologisches Geschlecht und feierte Gerichtsentscheidungen zur Definition von „Frau“. Diese Entwicklung führte zu scharfer Kritik von LGBTQ+-Gruppen, politischen Organisationen, Schauspielenden der Potter-Reihe sowie internationalen Medien – aber auch zu anhaltender Unterstützung aus frauenrechtlichen Kreisen. Die Kontroverse ist damit inzwischen nicht nur literarisch, sondern auch juristisch, politisch und kulturell intensiv diskutiert.

 

Was ist nun mit dem Verlag los?

Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht von den Meldungen, die wir über Social Media erhalten haben – und dann in der Folge, als ich das weiter las, über die Situation im Allgemeinen. Die Brettspielszene ist für mich immer noch ein kleiner Rückzugsraum aus dem Weltgeschehen. Wenn nicht gerade wirre Zollfantasien gesponnen werden oder zwielichtige oder stümperhafte Crowdfunding-Firmen pleitegehen, ist es eine von der Politik oder dem Kommerz meist abgekoppelte Welt. Klar gibt es Global Player wie Hasbro oder Asmodee, die allein durch die Börse inhärent kapitalistisch sind, aber die meisten Verlage arbeiten auf viel kleinerer Flamme und können mit viel Herzblut und Einsatz trotzdem großartige Erfolge feiern.

Die Mädels und Jungs von Czech Games Edition gehören für mich auch dazu. Je nach Quelle arbeiten dort 25–43 Personen. Sie hatten während der Corona-Phase starke Gewinne verzeichnet, aber die zuletzt bekannten Zahlen aus 2022 waren schlecht, weil die Netto-Profit-Marge übel einbrach. 2024 steuerten sie aber eindeutig dagegen und übernahmen den Oriens-Kartonspiel- und Puzzlefabrikbetrieb. Das ist ein Ansatz, die Produktionskette zu vertikalisieren und damit die Marge mehrerer Arbeitsschritte unter einem Dach zu vereinen. Natürlich ist das ein Schritt, den Gewinn zu steigern, aber grundsätzlich sollte es Brettspielliebende freuen, wenn Verlage kluge Entscheidungen treffen, die die Sicherheit des Unternehmens festigen und damit ermöglichen, weiterhin gute bis sehr gute Spiele zu veröffentlichen. Wie es anders laufen kann, ist in der Videospielszene zu sehen, wo hochgradig talentierte Teams regelmäßig auseinanderbrechen, weil das nächste Spiel nicht finanziert werden kann. Das sind Verhältnisse und Abhängigkeiten, die ich mir für Brettspielverlage ganz sicher nicht wünsche.

Rein wirtschaftlich gesehen macht es auch Sinn, sich starke IPs für seine Spiele zu sichern. Die zahlreichen erfolgreichen Videospielmarken bei Brettspielen zeigen regelmäßig, wie viel Einfluss das haben kann. Das Harry Potter eine Starke Marke ist konnten auch wir mit der Ankündigung feststellen.

Ich glaube dem Verlag auch sein erstes Statement, das sich leider wie durch die PR-Waschmaschine gespült liest. Es gibt Fans von Harry Potter beim Verlag, und sie haben es geliebt, die Marke umsetzen zu dürfen.

 

Kommen wir zum gesellschaftlichen Diskurs

Ja, es ist wie bei allen Hobbys: Nichts passiert im luftleeren Raum. Das gilt auch für Brettspiele, und vielleicht ist mein gefühlter Rückzugsraum weniger sicher, als ich immer gedacht habe.

Ich bin ein Mann, lebe in einem sicheren Land in einer Demokratie. Das bedeutet, mein Blickwinkel ist ein anderer als der eines Mannes, der in Russland lebt und sich als Frau fühlt und das immer unterdrücken muss – oder einer Frau, die sich als Mann fühlt. Dazu kann ich schlicht nichts sagen, außer dass ich allen wünsche, so leben zu können, wie sie es sich wünschen.

Ich vermute, da stimmen nahezu alle zu, die sich in der sehr weltoffenen und aufgeklärten Brettspielwelt bewegen. Jeder soll so leben, wie er oder sie es sich wünscht – und schließlich sind wir die Spezialisten darin, über unser Hobby zueinander zu finden. Miteinander statt gegeneinander ist die Devise.

Was ich nun aber online lesen muss, ist ein Gegeneinander und ein Schwarz-Weiß-Denken – und das macht mich doch traurig. Es wird hier fremden Menschen online zugeschrieben, transfeindlich zu sein, weil sie sich auf das Spiel freuen und mit dem Geld eine Sache unterstützen, die nicht gut ist.

Schauen wir noch mal auf das Geld: Der Punkt, dass die Gelder für die Marke „Harry Potter“ gering sein dürften bei einem Brettspiel, sollte da nicht außer Acht gelassen werden. Das Vermögen von J.K. Rowling wird auf ca. eine Milliarde Dollar geschätzt. Mit Sicherheit verdient sie jeden Tag mit Zinsen und Einnahmen durch Aktien und Investments eine vielfach größere Summe, als jemals auf ihrem Konto ankommen wird für die Lizenz eines Brettspiels, das sich einige Tausend Mal verkauft.

Das Handeln von J.K. Rowling (unabhängig davon, wie die eigene Meinung dazu ist) und auch die ungleich höheren Einkünfte aus anderen Quellen werden dadurch nicht beeinträchtigt. Ich glaube kaum, dass Online-Entgleisungen und Anfeindungen zwischen Menschen, die eigentlich gemeinsam an einem Tisch sitzen könnten, um zu spielen, irgendetwas ändern.

Was ich damit meine: Hier wird etwas kaputt gemacht, obwohl es keine Auswirkung auf die eigentliche Ursache hat. Hier wird vereinfacht, obwohl es ein komplexes Thema ist. Wie sollen wir als Gesellschaft damit umgehen, wenn Transmenschen im Sport teilnehmen und unterschiedliche körperliche Voraussetzungen aufeinandertreffen? Wie können Ressentiments gegenüber Transmenschen abgebaut werden? Wir Menschen sortieren unsere Welt in Schubladen, die wir früh beigebracht bekommen haben und selten überdenken. Wie können unbegründete Ängste abgebaut werden? Wie können politische Bewegungen gestoppt werden, die grundsätzlich immer nur auf schwache soziale Gruppen zeigen, die angeblich schuld an allem Schlechten sein sollen?

Es gibt Spielregeln – und an die sollten sich alle Seiten halten. Gemeinsam statt gegeneinander. Das sollte die Botschaft der gesamten Community sein. Wir dürfen uns nicht auch noch spalten lassen. Bitte, tut mir den Gefallen. Bitte.

 

Nachtrag wegen Rückfrage

Was ich auf den Punkt bringen möchte, ist, dass es niemandem etwas helfen wird, sich in der Brettspielszene gegenseitig online anzufeinden.

Unsere Stärke ist das Miteinander – wie derzeit in Berlin oder bald wieder in Essen und jedes Wochenende bei zig Veranstaltungen im ganzen Land zu sehen ist. Mit Freunden und Fremden gemeinsam Spiele spielen und sich dabei kennenlernen.

Natürlich ist es ein wichtiges Thema, das nicht ignoriert werden darf. Nur für mich steht das eigene Handeln vor den Worten, und wer Offenheit und Toleranz lebt, der muss doch nicht angegriffen werden, weil diese Person Werk und Künstler trennt – genauso wenig wie jemand, der sagt, er will es nicht unterstützen. Toleranz muss ja in alle Richtungen funktionieren – so ist mein Verständnis.

Die Brettspielszene ist Kultur, und ich sehe die Entwicklung im Allgemeinen in Deutschland als besorgniserregend an. Was demokratiefeindliche Bewegungen für eine Gesellschaft bedeuten können, sehen wir gerade in Amerika und vielen anderen Ländern der Welt. Vielleicht sollten wir als Szene gemeinsam noch mehr Flagge zeigen und aktiver werden – gegen Rechts, gegen Ausgrenzung. Intoleranz kann nicht toleriert werden.

 

Nachtrag wegen erneuter Nachfrage

Meine Massage ist nicht "seid nett zueinander" sondern die Probleme anzugehen, die dafür sorgen können dass tatsächlich Menschen in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt werden.

Da hilft es pro Land nur die Parteien zu wählen, die nicht darauf abzielen die "Schuld" auf Minderheiten abzuwälzen und von den tatsächlichen Profiteuren des Systems (Milliardäre - von denen Rowling auch eine ist) abzulenken. Der Fokus ist meiner Meinung nach der falsche und eine Spaltung von Menschen die im Grunde alle das gleiche wollen ist das Ziel solcher (reicher) Personen.

Geld ist Macht! Geld wird in Deutschland deutlich weniger besteuert als Arbeit. Das erweitert die Schere zwischen Reich und Arm. Auch hier hilft es aber nicht pauschal zu sein - ich kenne nicht alle super Reichen in Deutschland oder der Welt und ihre Ansichten und wofür sie das Geld einsetzen was sie haben. 

Das meine ich mit komplexen Themen und Antworten..

 

Hier noch eine richtig gutes Video zum Thema um sich selbst eine Meinung zu bilden

 

Quellen

https://www.theguardian.com/books/2025/apr/18/jk-rowling-harry-potter-gender-critical-campaigner

https://en.wikipedia.org/wiki/J._K._Rowling

https://www.emis.com/php/company-profile/CZ/Czech_Games_Edition_SRO_en_7413204.html

https://icv2.com/articles/news/view/56509/czech-games-edition-acquires-board-games-puzzles-factory

https://www.czechgames.com/news/why-we-created-the-new-licensed-version-of-codenames

https://boardgamegeek.com/boardgame/450782/codenames-back-to-hogwarts

 

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