Mit Kindern auf der weltweit größten Brettspielmesse SPIEL Essen – warum man sich das antut
Mit großen Taschen, voll beladen, jonglieren sie schwitzend ihre schweren, rollenden Kisten durch die Menschenmassen. Die Rede ist nicht von den brettspielsüchtigen Expertenspielern, deren Geldbeutel glühen und denen keine Schlange zu lang ist, um ihren Loot in die Höhe wachsen zu lassen. Nein, an den Tagen der Spiel ist unsere ,,Bubble“ ca. 110.000 qm groß. Eine Nische bedienen hier andere: Familien.
Statt Spielen schleppen sie in ihren Taschen Spucktücher, Milchpulver, Windeln, Feuchttücher und den obligatorischen Wechselbody - falls der Unfall doch mal bis hoch in den Nacken eskaliert. Statt dem platzschaffenden Rollkoffer, der zwischen den Spieltischen die ohnehin engen Gänge blockiert und sicher schon so manchen Zeh gekostet hat, wird bei dieser eher raren Spezies der Kinderwagen durch die Menge manövriert. Oft dient selbiger allerdings nur als Gepäcktransporter – das Kind trohnt dann doch oft lieber auf dem Arm eines Elternteils. Schließlich wollen auch die Kleinsten das Crescendo der Menschenmassen durch visuelle Eindrucke untermauert wissen - für das vollumfängliche Messeerlebnis. Kinderschleppen trainiert übrigens den Bizeps genauso wie Spieleschleppen! Man kann die Kids nur leider nicht in Halle 8 bei der Gepäckaufbewahrung abgeben…

Mitten in Halle 3 steht eine Mama mit Baby in der Trage, (leerem) Kinderwagen und zwei riesigen Rollkoffern seitlich im Gang. Ich spreche sie vorsichtig an und sie lächelt. Das Kind schläft, ihr Mann ist auf der Jagd. Sie hat also kurz Zeit für ein Interview. Diese Situation erlebe ich übrigens im Laufe der zwei Tage immer wieder: Mamas stehen mit Ausrüstung und Kind in Trage oder Kinderwagen am Rand und warten, bis ihr Mann von der erfolgreichen Jagd nach Spielen zurückkommt. Liegt es an der generellen Erschöpfung, am weiblichen Verantwortungsbewusstsein, am niedrigeren Spiele-Enthusiasmus der Mütter oder am gelebten klassischen Rollenverständnis? Genug Stoff für eine soziologische Studie…
Meine Interviewpartnerin jedenfalls bezeichnet sich selbst als Hardcorezockerin und beweist es mir mit der Präsentation der zwei mannshohen Rollkoffern, die bereits um 12 Uhr am Donnerstag komplett gefüllt sind. Das größere Kind konnte bei Oma Unterschlupf finden, der Kleine (4 Monate alt) stellt das Opfer für Mamas und Papas Hobby dar. Verzichten kam für die beiden langjährigen Dauergäste der Spiel nicht in Frage. Das erste Kind musste da damals auch durch. ,,Säuglinge schlafen ja viel und bekommen, noch wenig mit“, sagt sie. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Überreizung von Säuglingen behalte ich lieber für mich. Der kleine Kerl schläft friedlich und trägt einen Gehörschutz. ,,Wir haben uns vorbereitet. Wir wissen wo die Ausgänge und Toiletten sind, was wir alles dabeihaben müssen und haben das Tragen des Gehörschutzes zuhause trainiert.“ erzählt diese Mama. Blöd werde es erst, wenn die Kinder etwa ein Jahr alt sind - dann wollen sie wissen, was um sie herum passiert und das Schlafen wird schwieriger.

Mit dieser sensibilisierten Wahrnehmung entdecke ich in der nächsten Zeit tatsächlich 1-2 jährige Kinder, die sich im Kinderwagen gebärden, winden und schreien. Die dazugehörigen Mütter am Rand wirken auch deutlich gestresster.
Zwischenzeitlich kommt der Jäger von der getanen Arbeit zurück und berichtet der Partnerin mit leuchtenden Augen von seiner Beute. Auf meine Frage, ob die SPIEL denn familienfreundlich sei, antwortet er mir prompt: ,,Ja, doch schon.“ Verbesserungsvorschläge hat er allerdings auch im Gepäck: das Messererlebnis könnte für Familien durch einen Ort der Stille deutlich angenehmer gemacht werden. Diesen Wunsch äußern übrigens alle Familien, die ich treffe. Ein ruhiger Ort zum Stillen, zum Regenerieren auch für die Kinder wäre großartig. Außerdem mehr Wickeltische, ein eigener Eingang für Menschen mit kleinen Anhängseln und großen Kinderwägen, Familienparkplätze und eine bessere Orientierungsmöglichkeit, wo kindgerechte Stände oder Aktionsbereiche zu finden sind.
Für Familien ist die Organisation also durchaus ausbaufähig. Auch die Kinder-Area in der Galeria, wo die vorbeieilenden und hungrigen Besucher kollidieren und auch die Akkustik durch bruzzelndes Pommesfett, Memorymeisterschaften und Nerds im Erfahrungsaustausch ihr Maximum erreichen, wird als ungünstig empfunden. ,,In Halle 8 wäre dafür doch noch genügend Platz“, bemerkt ein Vater.

An Ständen von HABA und Co. entdecke ich Eltern mit Kindern der Fraktion ,,aus dem Gröbsten raus“. Dort sieht das ganze tatsächlich mal nach Spaß aus. Ich erkenne zwar trotzdem den ein oder anderen sehnsüchtigen Blick der Eltern auf die Kenner- und Expertenneuheiten am Stand nebenan, aber insgesamt wird viel gelacht, gewürfelt und sich abgeklatscht. Die Kids werfen den Verkäufern am Pokemonkartenstand ihr letztes Taschengeld entgegen oder bemalen ihre ersten Miniaturen.

Insgesamt könnte man also festhalten, dass das Konzept ,,mit Kind auf die Messe“ entweder im Säuglingsalter oder wieder ab etwa drei Jahren klappen kann. Die Moral von der Geschicht: Komm mit 1 bis 3-Jährigen lieber nicht. Ausnahmen gibt es natürlich immer.
Meine weiteren Erkenntnisse nach einigen Befragungen: Familien besuchen dann die Messe, wenn sie im Umkreis von ca. einer Stunde Entfernung wohnen und das Hobby wirklich feiern. Die naiven Mamas und Papas, die denken, dass es doch mal unterhaltsam wäre, mit den Kleinkindern auf eine nette Messe zu gehen, auf der man gemeinsam ein bisschen spielen kann, weil man zuhause unter der Küchenbank ja auch ein Monopoly und eine weihnachtstaugliche Ausgabe Skipbo liegen hat, bleiben aus. Hier weiß eigentlich jeder, auf was er sich einlässt. Und auf was er nicht verzichten kann. Es geht den befragten Familien vor allem um das Entdecken von Neuheiten, Schnäppchen machen und Leute treffen. Wobei Eltern mit Säuglingen nicht zum Spielen auf die Spiel kommen. Denn mit Baby vor der Brust sitzt man einfach zu weit weg vom Spieltisch und wohin dann mit den Koffern und dem Kinderwagen?

,,Man muss seine Erwartungen deutlich runterschrauben“ sagt eine Mutter. Aber auch die anderen befragten Eltern sprechen durchgehend von ,,Erwartungsreduktion“. Man ordnet sich den Bedürfnissen der Kinder unter. Zu selbstbestimmten Zeiten über die Messe, in die Galeria zum Essen oder aufs Klo gehen, ist mit Kindern nicht mehr drin.
Mit diesen vielfältigen Eindrücken schlendere ich schließlich entspannt zum nächsten Stand, um den neuen Expertenkracher anzuspielen- ganz selbstbestimmt und ehrlich froh, meinen 1,5 jährigen Sohn zuhause bei Oma zu wissen. Jeder muss wissen, auf was er verzichten kann.
Quelle Bilder
Titelbild: Lars Heidrich, Merz Verlag
Andere Bilder: Marisa
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