Test | Nanolith - Fazit + Wertung + Bilder vom Spiel
Nur noch kurz die Welt retten
Für einen einfachen Spieleinstieg liegt eine Schnellstartanleitung bei, die ein nachstellbares Probeszenario beschreibt und dabei auf die nötigen Anleitungspassagen verweist. Das erinnert an typische Schritt-für-Schritt-Videospieltutorials und funktioniert generell gut, wird aber durch mehrere inhaltliche Fehler in der Beschreibung getrübt, z.B. wenn bereits genannte Regeln vergessen oder falsche Würfelzahlen genannt werden. Das allgemeine Regelheft und die Missionsbeschreibungen sind hingegen verständlich geschrieben und sorgen anhand vieler bebilderter Beispiele und eines Glossars für einen schnellen Überblick.

Weder spielerisch noch inhaltlich geht es in der dystopischen Vision von „Nanolith“ zimperlich zu, wenn die vier Recken sich gegen die Tyrannei der Organisation Babel zur Wehr setzen. Die anspruchsvollen Szenarien verhindern den für RPGs gängigen „erstmal alle kleinen Gegner erledigen, dann um den Rest kümmern“-Ansatz, da in jeder Gegneraktivierung mehr Gegner nachkommen als die Gruppe realistisch erledigen kann. In den abwechslungsreichen Missionen müssen die Spielenden je nach Zielsetzung (z.B. Bosse besiegen, Zivilisten evakuieren oder fliehen) unterschiedliche Strategien vorausplanen, die richtigen Fähigkeiten einpacken und genügend Flexibilität beweisen. Das verleiht den Missionen Gewicht, kann aber auch sehr frustrierend sein, da auch die beste Strategie gegen schlechte Würfelwürfe bei den glückslastigen Kämpfen verblasst. Diese lassen sich zwar teilweise durch Aufwertungen beeinflussen, bestimmen aber oft über Sieg oder Niederlage, was bei den bis zu zwei Stunden langen Missionen durchaus schmerzt. Da es keine Möglichkeiten zum Grinden (Wiederholen einfacher Aufgaben zum Sammeln von Erfahrungspunkten) gibt, heißt es dann oft: „Viel Glück beim nächsten Mal!“. Manche Regeln (z.B. die zu den Sichtlinien) muten zudem anfangs sehr kleinteilig an und benötigen einige Zeit, bis sie verinnerlicht und taktisch nutzbar werden.
Als eingefleischter Rollenspielfan habe ich mir unter der Bezeichnung „Cyberpunk Board Game RPG“ irgendwas mit Charakterindividualisierung, epischer Weltrettung und futuristischen Schleimen erwartet. Die Weltrettung ist Programm, der Schleimfaktor im Ansatz da. Die Charaktergestaltung funktioniert über den Ausbau von Statuswerten und das Erlernen bzw. Optimieren von Fähigkeiten. Die Figuren folgen dabei klar den eingangs erwähnten Rollenspielklassen, sodass der Verteidiger auch mit zunehmender Progression vorrangig defensive Fähigkeiten erhält und kaum in andere Richtungen ausgebaut werden kann. Negativ betrachtet werden die Spielfiguren somit nur begrenzt nach eigenen Vorstellungen gestaltet, positiv gesehen können neue Spielende leicht in die Rollen einsteigen oder die Figuren auch mal tauschen, ohne vorher diverse Taktiken lernen zu müssen.

Das Material des Spiels ist herausragend und beeindruckt auf Anhieb. Die Ringbücher liegen gut in der Hand, sind atmosphärisch bebildert und lassen sich leicht blättern. Vollfarbige Comics verbinden die Szenarien miteinander und fühlen sich nach einer befriedigenden Belohnung für den Abschluss von Handlungsabschnitten an. Das weitere Spielmaterial (Acrylstandees, feste Spielertableaus, etc.) ist trotz seiner detaillierten Gestaltung übersichtlich gehalten, der einzige Dämpfer sind die teilweise etwas pixeligen Texte und schlecht erkennbaren Würfelaktionskosten. Die Gestaltung der Legacy-Aspekte des Spiels fällt besonders positiv auf, da die über Sticker über Elektrostatik haften und sich rückstandslos wieder abziehen lassen, ohne an Haftkraft einzubüßen.
Kurz und knapp
„Nanolith“ hatte bei meiner Gruppe einen holprigen Einstieg: Die fehlerhafte Schnellstartanleitung und kleinteiligen Regeln laden zum Vergessen ein, die zunächst eher vage Story und der hohe Schwierigkeitsgrad gepaart mit Glückslastigkeit haben in den ersten paar Runden die Frusttoleranz trainiert. Doch im Verlauf der Kampagne öffnen sich das Spiel und seine Welt, bieten Überraschungen und fördern wie fordern unterschiedliche Lösungsansätze je nach Missionsziel. Das Spielmaterial - darunter auch tolle Comics! - besticht durch Detailreichtum, feste Pappe und eine durchdachte Handhabung der Legacy-Aspekte durch ablösbare Sticker. Kurzum: Diese Dystopie ist zu empfehlen!
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Bilder zum Spiel
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Tags: Kooperativ, Kampagne, Legacy





